Kapitalmarktausblick - Ausgabe 02-2022

Krieg in der Ukraine, Scheitern der No-Covid-Strategie in China, massive Lieferkettenprobleme und explodierende Energiepreise - es droht eine Stagflation, d.h. ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung bei gleichzeitig hoher Inflation.  Lesen Sie hierzu unseren Kapitalmarktausblick für das 2. Quartal 2022.

Kapitalmarktausblick für das zweite Quartal 2022

Die befürchteten Kursrückgänge im ersten Quartal 2022 sind eingetreten. Mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine setzte eine deutliche Korrektur der Aktienkurse ein, von der insbesondere die europäischen Aktienmärkte und die Schwellenländer stark betroffen sind. Aufgrund einer Vielzahl an Unsicherheiten ist die weitere Entwicklung kaum absehbar. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern sich rapide. Derzeit ist keine gute Zeit für die Kapitalanlage in Risikoassets.  Stattdessen tut sich was auf der Zinsseite - die Zinsen steigen !

Rohstoffe und Vorprodukte

Die Abhängigkeiten von Energie und Rohstoffen aus Russland und Vorprodukten aus China sind in Europa und speziell in Deutschland extrem hoch. Ein Embargo für russisches Gas würde Teile der heimischen Wirtschaft lahmlegen, da ca. 55 % des deutschen Gasbedarfs aus Russland importiert wird. Ein kurzfristiger Ersatz ist nicht möglich. Ein Ersatz durch Flüssigerdgas (LNG - liquefied natural gas) aus den USA, Australien oder Katar ist zwar teilweise möglich - allerdings ist LNG teurer als russisches Gas. Ferner werden LNG-Terminals als logistische Knotenpunkte benötigt - für die Entladung von LNG-Tankern, für die Regasifizierung und die Einspeisung in das Gas-Netz. Der geplante Bau eines LNG-Terminals in Brunsbüttel wird vor Ende 2024 nicht erfolgt sein.  Ein dauerhafter Verzicht auf russisches Gas durch die Eurozone führt zu steigenden Preisen für das verbleibende verfügbare Gas. Die hohen Energiepreise für Öl und Gas verteuern die Einkaufspreise sämtlicher Marktteilnehmer und wirken damit auf die Preise für alle Produkte und Dienstleistungen.

In 2020 bezog Deutschland 49 % seines Bedarfs an Steinkohle aus Russland, sowie 34 % des Rohölbedarfs. Nickel, Palladium, Eisen, Kupfer - die Liste der Rohstoffe, die Deutschland in größeren Mengen aus Russland bezieht, ist lang. Sie umfasst viele Metalle, die die Basis für verschiedenste Industriezweige darstellen :

  • Nickel, das Deutschland derzeit zu 44 Prozent aus Deutschland bezieht, wird für die Produktion von Batterien und zur Stahlveredelung eingesetzt
  • Palladium ist als Katalysator und für die Wasserstoffwirtschaft von herausragender Bedeutung
  • Kupfer wird für alles benötigt, was Leitungen und Kabel hat
  • und dann sind da auch noch die Edelgase, die für die Herstellung von Mikrochips und somit die ganze Elektronik essenziell sind.

Probleme mit den globalen Lieferketten

In vielen Produkten sind Vorprodukte aus China verbaut. Aufgrund des aktuellen Corona-Ausbruchs in China und der bisherigen Null-Covid-Strategie der Chinesen drohen weitere strikte Lockdowns in China. Die Ausbreitung der hochinfektiösen Omikron-Variante in China hat in diesem Monat wichtige Produktionszentren wie Shenzen und Dongguan getroffen. Die Staus von Containerschiffen vor großen chinesischen Handelshäfen werden von Tag zu Tag länger. Fehlende Vorprodukte verschärfen die Lieferengpässe in vielen Branchen.  Zwar sind die Auftragsbücher noch voll, allerdings können die Aufträge nicht abgearbeitet werden. Wurden die Aufträge zu festen Preisen vereinbart, drohen Verluste aufgrund zwischenzeitlicher Preiserhöhungen.

Russland vs. Ukraine

Der Konflikt in der Ukraine droht sich zu einem langfristigen Abnutzungskrieg zu entwickeln. Eine Deeskalationn scheint kaum noch möglich, der "point of no return" ist längst überschritten. Stattdessen droht ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland. Je länger der Krieg dauert, desto höher werden die Kosten für alle Beteiligten. Die Hauptverlierer dieses Konflikts sind die Ukraine, Russland und Europa.  Die unwägbaren Folgen eines Langfristkonflikts werden für alle Beteiligten zur massiven Hypothek für die Zukunft. Europa droht seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

China vs. USA - Einstieg in eine bipolare Welt

Strategie hat in China eine lange Tradition. Das Land rühmt sich in sehr langfristigen Strategiezyklen zu denken. Das langfristige Ziel ist klar - China möchte Weltmacht Nr. 1 werden.  Hierzu hat sich das Land in den letzten zwanzig Jahren eine Vielzahl verbündeter Nationen erschlossen. China verfolgt die Strategie der zwei Kreisläufe (Dual Circulation). Das Land möchte nach innen autark werden, d.h. in der Lage sein, sich in Kooperation mit seinen Verbündeten selbst zu versorgen. Peking setzt in Zukunft auf mehr Konsum im Innern und stärkeren Warenaustausch mit regionalen Handelsbündnissen, vor allem in Asien und Europa. Nach außen strebt China die Weltmarktführerschaft in Zukunftstechnologien an. Das Reich der Mitte will bis 2025 zur führenden Hightech-Macht werden und bis 2049 die weltweit führende Wirtschaftsmacht.

China strebt eine möglichst weitgehende Abkopplung von der amerikanischen Wirtschaft an. "China könnte gezwungen sein, Nordamerika (den USA und Kanada) und Australien den Rücken zu kehren, indem es einen größeren Abstand zu den drei unfreundlichen Ländern hält und sich gleichzeitig stärker auf die Bildung engerer wirschaftlicher Partnerschaften mit den Volkswirtschaften Europas, Asiens, Afrikas und anderer Regionen konzentriert", schrieb Global Times-Autor Li Hong.

Der Ukrainekrieg zeigt die zu erwartende Entwicklung der nächsten Jahre. Die westlich geprägten Nationen versammeln sich hinter den USA und verteidigen ihre Werte und Normen und die damit verbundenen Spielregeln. China und seine Verbündeten verhalten sich zwar konfliktbezogen neutral und forcieren gleichzeitig aber die wirtschaftliche Zusammenarbeit untereinander. Die Zahl der Konflikte zwischen beiden Lagern nehmen zu. Neben wirtschaftlichen Auseinandersetzungen mit harten Bandagen bestehen zunehmend auch militärische Spannungen und territoriale Konflikte, bspw. mit Taiwan und im südchinesischen Meer. Bisher erfolgte in der Geschichte der Menschheit noch kein Wechsel der Weltmachtposition ohne kriegerische Auseinandersetzungen.

Deutschlands "Strategie"

Die Juristin und Politikwissenschaftlerin Constanze Stelzenmüller hat das Wirtschaftsmodell Deutschland wie folgt charakterisiert. Das Land hat sein Wirtschaftswachstum nach China ausgelagert, seine Energieversorgung nach Russland und seine Sicherheitspolitik in die USA.  Über Jahrzehnte hat Deutschland die Friedensdividende abgeschöpft und das eigene Militär kaputtgespart. Die deutsche Bundeswehr verfügt über einen jährlichen Etat von 50 Mrd. Euro, dem eine fragwürdige militärische Leistungsfähigkeit gegenübersteht.

In einer bipolaren Welt zwischen China und seinen Verbündeten sowie den USA und ihren Partnern wird Deutschland aufgrund dieser Ausrichtung massiv zwischen die Fronten geraten. Die militärische Abhängigkeit Europas von den USA wird dazu führen, daß sich die Rahmenbedingungen für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China und seinen Verbündeten deutlich verschlechtern. Denkbar wäre eine eingeschränkte Belieferung mit Vorprodukten aus China, verbunden mit einem Komplettausfall der Rohstofflieferungen aus Russland.  Die Wettbewerbsfähigkeit Europas wird damit stark beschädigt. Kehrt am 05. November 2024 Donald Trump ins Weiße Haus zurück und regiert das Motto "America first" wieder zügellos, dann wird Europa im aufziehenden Konflikt zwischen den USA und China als erster Verlierer dastehen.

Stagflation und Lohn-Preis-Spirale

Nach Einschätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird sich der Krieg in der Ukraine deutlich auf die globale Konjunktur und die Inflation auswirken. Das weltweite Wirtschaftswachstum dürfte 2022 um mehr als einen Prozentpunkt niedriger ausfallen. In den 19 Ländern der Eurozone sind die Folgen mit einem Minus von 1,4 Prozent deutlicher zu spüren, als in den USA mit 0,88 Prozent. Ausgabenprogramme und Steuersenkungen könnten den Schaden jedoch teilweise begrenzen.
Der russische Einmarsch in die Ukraine und die Sanktionen des Westens könnten das Wirtschaftswachstum in Deutschland 2022 etwa halbieren. So könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um zwei Prozentpunkte weniger zulegen, wie aus einer Modellrechnung der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung hervorgeht. Die Bundesregierung hat bisher einen BIP-Anstieg um 3,6 Prozent vorhergesagt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Wirtschaftsweise) prognostiziert für 2022 ein Wirtschaftswachstum von nur noch 1,8 Prozent.

Die bereits zu Jahresbeginn hohe Inflation könnte sich "um mindestens 2,5 weitere Prozentpunkte erhöhen". Desweiteren drohen im Laufe des Jahres sogenannte Zweitrundeneffekte. Aufgrund des deutlichen Kaufkraftverlust von annähernd 10 Prozent in den Jahren 2021 und 2022 werden die Arbeitnehmer höhere Löhne und Gehälter fordern - die Lohn-Preis-Spirale wird in Gang gesetzt.

Steigende Zinsen - Das Ende des Verwahrentgelts !

Die zögerliche Haltung der europäischen Zentralbank (EZB) scheint ein Ende zu finden. Ein Ausstieg aus den Wertpapierankaufsprogrammen ist beschlossene Sache und danach sollen im Laufe des zweiten Quartals 2022 bereits erste Zinsschritte erfolgen.  Bei jährlichen Inflationsraten von 3 % in 2021 und erwarteten 6,1 % für 2022 ist es höchste Zeit, daß sich die EZB an ihr vorrangiges Ziel - die Preisstabilität - erinnert.  Die Geldentwertung hat sich zuletzt derart beschleunigt, daß dem Sparer Angst und bange werden muß. Mit den ersten Zinsanhebungen wird nun auch das Ende des Verwahrentgelts eingeläutet. Dennoch werden die Zinserhöhungen insgesamt viel zu niedrig ausfallen, um dem Sparer in den nächsten Jahren die Erzielung eines Realzinses zu ermöglichen. Stattdessen setzt sich der Effekt der "kalten Enteignung von Sparern" aufgrund der aktuellen Höhe der Inflation beschleunigt fort.

Fazit :

Den Investor erwarten im zweiten Quartal 2022 erneut schwankungsanfällige Aktienmärkte und ein weiteres Quartal insgesamt rückläufiger Aktienkurse. Nach dem ersten Kursrutsch aufgrund des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine geraten die Aktienkurse im weiteren Jahresverlauf aufgrund sich verschlechternder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen unter Druck, da insgesamt die Unternehmensgewinne fallen werden. Gleichzeitig entstehen Anlagealternativen aufgrund steigender Zinsen an den globalen Rentenmärkten.  Für ein Investment in die Rentenmärke ist es aber noch zu früh. Die Liquiditätsversorgung der Börse verschlechtert sich, bleibt aber weiterhin ausreichend und sichert die Aktienkurse nach unten ab. Die Gefahr eines längerfristigen Abwärtstrends für die globalen Aktienmärkte ist gestiegen. Im Rahmen der Asset-Allocation ist der Portfolioanteil an Investments in Deutschland und Europa zu hinterfragen. Für Neuinvestments in den globalen Aktienmärkten müssen Anleger ab sofort einen längeren Atem mitbringen. Die Zeit der schnellen Kursgewinne ist vorbei - kurz- und mittelfristig drohen Kursrückgänge am Aktienmarkt.

 

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Quartalsbericht I-2022 - Honorarberatung Bodensee

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Kapitalmarktausblick – Ausgabe 02-2022