Kapitalmarktausblick - Ausgabe 02-2023

USA vs. China - die Deglobalisierung nimmt Fahrt auf.  Wirtschaftsabschwung in Zeitlupe. Aktienmarkt vs. Rentenmarkt - wer wird recht behalten ? Nie war die Bandbreite der Prognosen größer. Lesen Sie hierzu unseren Kapitalmarktausblick für das 2. Quartal 2023.

Kapitalmarktausblick für das zweite Quartal 2023

Im ersten Quartal 2023 haben die europäischen Börsen und vor allem der DAX allen Krisenherden zum trotz einen fulminanten Jahresstart hingelegt. Der DAX-Anstieg im ersten Quartal 2023 betrug über 11 Prozent. Beim Eurostoxx 50 waren sogar knapp 12 Prozent Wertzuwachs zu verzeichnen. Ausgerechnet die europäischen Aktienbörsen waren die Gewinner des ersten Quartals, trotz Ukraine-Krieg, trotz wirtschaftlicher Stagnation, trotz hoher Inflation und dem Verlust an geopolitischer Bedeutung.

USA vs. China - die Deglobalisierung nimmt Fahrt auf

Derzeit nehmen die Spannungen zwischen den USA und China mit ihren jeweiligen Verbündeten stetig zu. Beide Supermächte belauern sich gegenseitig und erwarten voneinander nur das Schlechteste. Unzählige gegenseitige Drohgebärden und Provokationen drohen die Situation zu eskalieren.  Die Welt droht in zwei Blöcke zu zerfallen - jede Supermacht versucht die eigene Werte- und Machtbasis auszubauen und die eigene Einflusssphäre zu vergrößern. Nachdem sich die Spannungen in den letzten Jahren überwiegend auf der wirtschaftlichen Ebene verschärften, drohen nun zunehmend auch militärische Konflikte. Der Ukraine-Krieg hat dabei das Potential sich von einem regionalen Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu einem Stellvertreterkrieg der beiden Supermächte auszuweiten. Weitere Konflikte sind die expansiven maritimen Ansprüche Chinas im Südchinesischen Meer und Chinas Militarisierungsaktivitäten in der Region, sowie Chinas territorialer Anspruch auf Taiwan.  Die Europäer stehen zwischen den Stühlen und ringen um ihre Positionierung. Europas militärischer Abhängigkeit von den USA steht eine sehr hohe wirtschaftliche Abhängigkeit von China gegenüber. Händeringend pilgern europäische Spitzenpolitiker nach China, um Auswege aus diesem Dilemma zu finden.
Russland wendet sich mit seinem Rohstoffreichtum immer stärker China und Indien zu, deren hohe Bevölkerungszahlen auch zukünftig eine starke Nachfrage nach Rohstoffen, Öl, Gas und Industriemetallen aus Russland garantieren. Soeben hat Indien mit rund 1,429 Mrd. Einwohnern China als bevölkerungsreichstes Land überholt. Beide Länder vereinen mit insgesamt 2,854 Mrd. Einwohnern rund 35,58 Prozent der Weltbevölkerung auf sich. Die Bevölkerung der G7-Staaten hingegen hat nur einen Anteil von 9,61 Prozent an der Weltbevölkerung, erwirtschaftet allerdings 45 Prozent des weltweiten Bruttonationaleinkommens. Der Anteil Chinas am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt liegt für 2023 nach Schätzungen bei knapp 19 Prozent.

Problematisch wird die Polarisierung auf zwei Machtzentren auch im Hinblick auf die Erreichung der globalen Nachhaltigkeitsziele, bspw. die erforderliche Senkung des globalen CO2-Ausstosses. Während die westlichen Industrienationen dringende und verbindliche Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen anmahnen, priorisieren China und ihre Verbündeten die weitere wirtschaftliche Entwicklung zu Lasten des Umweltschutzes. Sollten die beiden Blöcke weiter auseinanderdriften, dann werden zukünftige gemeinsame Maßnahmen zum Schutz der Erde kaum noch verhandelbar sein.

Schon heute ist fraglich, ob die Industrienationen noch die Kraft haben, im Thema Nachhaltigkeit globale Standards durchzusetzen. Diese Problematik wird zusätzlich dadurch erschwert, daß bisher auch die Industrienationen ihre eigenen kommunizierten Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen. Von einer Vorreiterrolle kann hier kaum die Rede sein. Zudem hat sich China zu einem globalen Akteur in einem breiten Spektrum grüner Technologien entwickelt. China dominiert den Weltmarkt für Photovoltaik-Technologie, die Abhängigkeit von China bei Solarzellen liegt bei ca. 95 Prozent. In der Windenergie sind die Risiken für kritische Mineralien hoch. Windturbinen benötigen seltene Erden, wie Neodym, das vorwiegend in China abgebaut und raffiniert wird. Für die Herstellung von Batterien werden Mineralien wie Kobalt, Nickel und Lithium benötigt. Auf China entfallen mehr als 60 Prozent der Lithium- und Kobaltraffination und mehr als 60 Prozent der weltweiten Produktion der Bestandteile von Batteriezellen. Ferner verfügt China über fast 80 Prozent der weltweiten Fertigungskapazitäten für Batteriezellen. Bei einem Bruch mit China sind die deutschen Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Gefahr.


Wirtschaftsabschwung in Zeitlupe

Laut jüngster IWF-Prognose dürfte die Wirtschaft in Deutschland in 2023 um 0,1 Prozent schrumpfen. Nach dem Corona-Einbruch und dem wirtschaftlichen Einbruch mit -3,7 Prozent wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt preisbereinigt in 2021 um +2,6 Prozent und 2022 um +1,8 Prozent. Die erhoffte Regeneration der Wirtschaft nach Corona fiel aufgrund des Kriegs in der Ukraine, den steigenden Energiepreisen und der Rekordinflation jedoch geringer aus. Nun droht nach einer Phase wirtschaftlicher Stagnation der Fall in die Rezession, d.h. die deutsche Wirtschaft schrumpft zwei Quartale in Folge.

Zwar konnte Deutschland aus Sicht der Bundesregierung einer "technischen" Rezession im Winter entgehen, da die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute nach dem BIP-Rückgang im vierten Quartal 2022 um -0,4 Prozent für das erste Quartal 2023 von einem BIP-Wachstum von +0,1 Prozent ausgehen. Dennoch bestehen spürbare Belastungen und Risiken für die weitere konjunkturelle Entwicklung. Die privaten Konsumausgaben entwickeln sich sehr schwach, vor allem die Investitionen in langlebige Gebrauchsgüter werden zurückgestellt. Desweiteren verschlechtern sich die Rahmenbedingungen in der Bauindustrie.

Derzeit werden in vielen Branchen noch die vollen Auftragsbücher abgebaut, während gleichzeitig der Auftragsneueingang spürbar lahmt. Die Kapazitätsauslastung ist allerdings noch hoch, da sich in der Corona-Pandemie und aufgrund von Lieferkettenengpässen in vielen Bereichen die Lieferzeiten spürbar verlängert hatten. Zwischenzeitlich lösen sich diese Engpässe auf und die Lieferzeiten verkürzen sich. Sollte der Auftragseingang in den nächsten Monaten nicht deutlich anziehen, dann stehen in der zweiten Jahreshälfte Überkapazitäten im Markt, was die Preise drücken könnte und zu Personalentlassungen führen könnte. Der wirtschaftliche Abschwung vollzieht sich aufgrund dieser Thematik nicht abrupt, sondern zeitverzögert quasi "in Zeitlupe".

Die jüngsten Inflationsdaten für die Eurozone und die USA zeigen, dass der Preisdruck unverändert hoch ist und sich zu verfestigen droht. Das erfordert eine konsequente Fortführung der geldpolitischen Straffung, denn nur so ist das Ziel der Preisstabilität zu erreichen. Auf der anderen Seite steigt damit der zinsseitige Druck auf das Finanzsystem. Weitere Zinsanhebungen durch die Notenbanken könnten zu Verwerfungen führen, die eine größere Finanzkrise wahrscheinlicher machen. Die Schieflage einzelner US-Regionalbanken in den USA und der Kollaps der Credit Suisse sind erste Vorboten dieses kaum zu lösenden Dilemmas.

Steigende Zinsen sind Gift für die heißgelaufenen Immobilienmärkte. Binnen kürzester Zeit sind im vergangenen Jahr die Finanzierungszinsen um drei Prozent gestiegen, was die Neufinanzierung von Neubauten seither deutlich erschwert. Deutschlands größter Immobilienkonzern Vonoria hat daraufhin alle für 2023 vorgesehenen Neubauprojekte wegen steigender Baukosten und Zinsen gestoppt. Im privaten Wohnungsneubau ist die Nachfrage massiv eingebrochen. Bereits seit Spätsommer 2022 ist die Nachfrage nach privaten Immobilienfinanzierungen stark rückläufig. Aufgrund der höheren Zinsen können sich immer weniger Menschen eine Wohnimmobilie leisten. Zudem verschärfen die Banken ihre Finanzierungsrichtlinien und verfolgen damit eine restriktivere Kreditvergabepolitik.
Laut Statistischem Bundesamt sanken die Preise für Wohnungen, sowie Ein- und Zweifamilienhäuser im Schlussquartal 2022 im Vergleich zum Vorjahresquartal durchschnittlich um 3,6 Prozent. Grund für den Rückgang der Kaufpreise sei eine gesunkene Nachfrage infolge gestiegener Finanzierungskosten und der anhaltend hohen Inflation. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hält in 2023 einen Rückgang um bis zu 10 Prozent für möglich. Laut Berechnungen der Deutschen Bundesbank lagen die Immobilienpreise Ende 2022 in den Städten 20 bis 45 Prozent über dem angemessenen Niveau.

Im Januar 2023 liegt die durchschnittlich 30-jährige Hypothek mit festem Zinssatz in den USA bei über 6 Prozent. Mit der Zinswende brachen die Häuserpreise ein. Im Dezember 2022 war die Anzahl an Hausverkäufen in den USA so niedrig wie seit 12 Jahren nicht mehr.


Aktienmarkt vs. Rentenmarkt - wer hat recht ?

Derzeit wartet der europäische Kapitalmarkt mit einem besonderen Phänomen auf. Steigende Aktienkurse signalisieren Konjunkturoptimismus und die Erwartung steigender Unternehmensgewinne. Fallende Rentenkurse und steigende Renditen wiederum zeugen von der Erwartung einer sich dauerhaft verstetigenden Inflation auf höherem Niveau und die Erwartung steigender Leitzinsen mit dem Ziel, die wirtschaftlichen Aktivitäten zu bremsen. Der IWF empfahl jüngst neben einer straffen Geldpolitik auch Maßnahmen der Fiskalpolitik zu ergreifen, d.h. auch staatliche Ausgabenprogramme zu reduzieren. Damit widersprechen die Signale vom Aktienmarkt den Signalen des Rentenmarktes. Dies zeigt eindrucksvoll, wie groß die Prognoseunsicherheiten derzeit sind und in welchem Umfang Best-case- und Worst-case-Szenarien voneinander abweichen.

Je höher die Kapitalmarktzinsen steigen werden, desto attraktiver werden die Rentenmärkte für Investoren. Die Anlagealternativen zum Aktienmarkt nehmen zu. Zudem planen europäische Regierungen eine Erhöhung ihrer Anleiheemissionen in 2023 auf insgesamt 1,2 Billionen Euro. Allein Deutschland beabsichtigt in 2023 Anleihen im Wert von 300 Mrd. Euro zu emittieren. Gleichzeitig plant die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Anleiheportfolio um rund 15 Mrd. Euro pro Monat zu verringern. Das bedeutet, daß die EZB nicht länger ein aktiver Akteur am Markt sein wird, um die Zinsen zu drücken. Die Regierungen werden gezwungen sein, die Schulden zu höheren Zinssatzen aufzunehmen.

Verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen für Regierungen, dann wirkt dies auch auf die Investitionsbereitschaft von Unternehmen und die Konsumlaune der Verbraucher. Setzt sich der Wirtschaftsabschwung in Zeitlupe fort und leeren sich die Auftragsbücher weiterhin, dann droht den Aktienmärkten im weiteren Jahresverlauf heftiger Gegenwind. Der deutsche Aktienindex DAX steht aktuell nur noch 2,4 Prozent unter seinem Allzeithoch, das er zum Jahresanfang 2022 erreichte. Am 02. Januar 2022 lag die Rendite für eine zehnjährige Bundesanleihe bei -0,145 % p.a.  Aktuell bringt die gleiche Bundesanleihe eine Rendite von +2,485 % p.a. (Stand: 18.04.2023).  Das Gewinnwachstum der DAX-Unternehmen stieg 2022 nur um 3 Prozent. Den meisten DAX-Unternehmen gelang es, hohe Kosten bei Personal, Beschaffung und Energie an ihre Kunden weiterzugeben. Einige Unternehmen profitierten zudem von einem komfortablen Auftragspolster aus Pandemiezeiten. Diese Sondersituation wird sich in 2023 auflösen. Sinken die Unternehmensgewinne, dann werden die Aktienbewertungen deutlich nach unten korrigieren.  Zudem sprechen auch saisonale Effekte gegen einen weiteren Anstieg der Aktienmärkte, da die beiden Sommerquartale traditionell nicht so stark sind. "Sell in may and go away !"

Fazit : Weiterhin gilt die Strategie "Investieren auf Sicht"

Auch im zweiten Quartal 2023 plädieren wir weiterhin für ein "Investieren auf Sicht". Aufgrund unserer Erwartung steigender Geld- und Kapitalmarktzinsen machen nur Investments in kürzeren Laufzeiten des Rentenmarktes Sinn. Im Bereich der Kurzläufer sind zwischenzeitlich wieder Renditen von drei Prozent und mehr erzielbar.

Nach dem fulminanten Anstieg der globalen Aktienmärkte seit Oktober 2022 wird die Luft für weitere Kursanstiege immer dünner und die Rückschlaggefahr steigt. Wir bewerten die jüngste Entwicklung als Bärenmarkt-Rallye und rechnen im weiteren Jahresverlauf mit keinen weiteren Kursgewinnen an den internationalen Aktienmärkten.

Für Neuinvestments im Aktienmarkt empfehlen wir daher weiterhin nur den sukzessiven ratierlichen Einstieg in die globalen Aktienmärkte. Dabei sollte bewußt eine langfristige (10 Jahre plus) Investition geplant sein, da kurzfristig erneute Kursverluste drohen. Ferner sollte eine Konzentration auf internationale Topwerte erfolgen, d.h. Unternehmen, die ein gutes internationales Geschäftsmodell haben und eine entsprechend starke Wettbewerbsposition.

Für ein Investment in die internationalen Rentenmärkte bieten sich derzeit nur die kurzen Laufzeiten und die Top-Bonitäten an.  Auf Basis der aktuellen Rahmenbedingungen dürfte der Euro in den nächsten Monaten eher zur Schwäche gegenüber dem US-Dollar tendieren, da die Zinsdifferenz zwischen USA und Europa nach wie vor sehr hoch ist.  Im zehnjährigen Laufzeitbereich liegt die aktuelle Renditedifferenz zwischen der deutschen Staatsanleihe und einer US-Staatsanleihe bei in etwa 1,08 Prozent pro Jahr. Zudem ist die strategische Positionierung der USA in jeglicher Hinsicht deutlich besser. Aufgrund der angekündigten Leitzinsanhebungen der Notenbanken muß weiterhin über alle Laufzeiten mit steigenden Zinsen gerechnet werden. Daher sollten kurze Anlagelaufzeiten gewählt werden, um perspektivisch von den steigenden Zinsen zu profitieren.

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  Quartalsbericht I-2023 - Honorarberatung Bodensee

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Kapitalmarktausblick – Ausgabe 02-2023